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Abschied von Hans-Günter Schwarz

Zum Tod des legendären Weinmachers

28. November 2025
Werner Elflein

mueller-catoir.jpgBild: Wikipedia
Das Weingut Müller-Catoir in Neustadt an der Weinstraße, unter der Ära Hans-Günter Schwarz' eines der besten Erzeuger der Welt

Deutschlands Weinwelt trauert. Am 21. November 2025 verstarb Hans-Günter Schwarz im Alter von 84 Jahren. Jahrzehntelang war Schwarz die wohl herausragendste Persönlichkeit der deutschen Weinszene. Er begründete den Weltruf des Weinguts Müller-Catoir und bildete viele Jungwinzer zu Spitzenerzeugern aus. Seine Leistungen sind bis heute unerreicht.

Dass ein gerade einmal 19-jähriger Absolvent einer Weinbauschule Betriebsleiter eines großen Weinguts würde, wäre heute undenkbar. Doch der nur knapp ein Jahr ältere Jakob Heinrich Catoir († 2023) bewies ein gutes Näschen, als er Hans-Günter Schwarz, den er während der gemeinsamen Ausbildung in Veitshöchheim kennenlernte, für das elterliche Weingut Müller-Catoir anwarb.

Das Gut in Haardt an der Weinstraße (heute ein Ortsteil von Neustadt an der Weinstraße), seit 1744 im Familienbesitz, war durch Erbteilung zersplittert und wirtschaftlich angeschlagen. Schwarz, der seine Arbeit 1961 aufnahm, reagierte schnell und leitete umgehend Maßnahmen zur Konsolidierung des Betriebs und Veränderungen im Rebsortenspiegel ein, denen unter anderem Silvaner und Portugieser zum Opfer fielen.

Seinem Arbeitgeber blieb Hans-Günther Schwarz über 40 Jahre lang treu, trotz finanziell lukrativerer Angebote. Als er das Weingut 2002 verließ, zählte es zu den allerbesten der Welt. Sein letzter Jahrgang, 2001, war gleichzeitig sein größter.

Obwohl er längst als lebende Legende galt, trat er stets sehr bescheiden auf und machte um die eigene Person nie viel Aufhebens. Selbst in der Hochphase seines Erfolgs hielt er sich gerne im Hintergrund und fokussierte sich auf seine Arbeit in den Weinbergen und mit seinen Lehrlingen.

Der gebürtige Alberweilerer war niemand, der stundenlang Bücher lesen musste, um seine Reben und die Abläufe in der Natur zu verstehen. Er selbst verglich seine Fähigkeit mit der eines Arztes, der einen Patienten sieht und sofort weiß, was diesem fehlt.

Schwarz ließ sich stets von seiner Intuition leiten. Auf die konnte er sich allerdings auch immer verlassen. Als die Pfälzer Weinlese im Herbst 2000 in Sauerfäule und Essig versank, entschied er sich, jede einzelne Traube persönlich am Sortiertisch zu kontrollieren. Entgegen seiner sonstigen Ausbauphilosophie kam in diesem Jahr die Ganztraubenpressung zum Einsatz. Schwarz stieß hierfür bei so manchem Winzerkollegen auf Unverständnis. Doch strahlten seine 2000er Weißweine noch lange, als die meisten anderen längst verblüht waren.

Eingriffe in die innere Struktur seiner Weine lehnte er stets ab. Als er 1996 trockene Riesling-Spätlesen mit mehr als elf Gramm Säure pro Liter erntete, füllte er diese ohne jegliche Korrektur auf die Flasche. Sie entwickelten sich grandios und verblüfften die Verkoster noch zehn Jahre später. Denn niemand bemerkte in den geschmacklich perfekt ausbalancierten Weinen die analytisch hohe Säure.

Der Erfolg fiel Hans-Günter Schwarz nicht in den Schoß. Als jüngstes von sechs Kindern verlor er früh seine Eltern. Zum Weinbau kam er durch seinen ältesten Bruder und Vormund. Noch Jahre nach seinen ersten großen Erfolgen warfen ihm die Technokraten der Weinwelt vor, seine Weine entgegen seiner Verlautbarungen heimlich zu schönen und nicht nur zur Entkeimung zu filtrieren. Denn diese hohe Qualität, so ihre Meinung, sei durch das von Schwarz propagierte „kontrollierte Nichtstun“ nicht zu erreichen. Erst als die ersten Lehrlinge in den Betrieb kamen und sahen, dass er lediglich eine einzige Entkeimungsfiltration vor der Füllung der Weine durchführte, verstummtem die üblen Nachreden.

Die Arbeit im Keller verstand Schwarz als „reine Schadensbegrenzung“. Die Qualität entstehe ausschließlich im Weinberg, bekräftigte er immer wieder. Im Keller könne man sie nicht in den Wein hineinvinifizieren, schon gar nicht mit den Erzeugnissen der modernen Lebensmittelchemie, deren Einsatz woanders zwar zu reintönigen, aber langweiligen Weinen führe. Martin Steinmann vom fränkischen Schloss Sommerhausen, der ein Lehrjahr bei Müller-Catoir verbrachte, erinnert sich noch heute an einen Satz seines Lehrmeisters: „Wenn du eine schmutzige Jacke wäschst, dann wird die zwar sauber, aber nicht besser.“

Ungeachtet vermeintlich schwächerer Jahrgänge gab es unter der Ära Schwarz wohl keinen einzigen auch nur mittelmäßigen Wein. Selbst die in Literflaschen gefüllten Rieslinge, die aus den jüngeren Weinbergen stammten, verfügten über Charakter und waren nicht weniger lagerfähig als die trockenen Prädikatsweine. Gemäß seiner Philosophie, die natürlichen Fruchtaromen der Beeren in seinen Weinen zu erhalten, schenkte er nicht nur Riesling und Weißburgunder seine Aufmerksamkeit. Ein besonderes Händchen bewies er für die Bukettsorten Gewürztraminer, Scheurebe und Muskateller.

Hinzu kam: der Rieslaner. Diese 1921 in Veitshöchheim gelungene Kreuzung zwischen Riesling und Silvaner lernte er ebenda in Form eines trockenen, im Halbstückfass ausgebauten, rustikalen 1953ers kennen, von dem sich seine Mitauszubildenden mit Grausen abwandten. „Der Wein war nicht besonders charmant“, räumte Hans-Günter Schwarz später lächelnd ein. Er erkannte jedoch das große Potenzial der Rebsorte, sah die Herausforderung und nahm sich vor, sich ihr eines Tages intensiv zu widmen.

Die Gelegenheit dazu bot sich ihm schneller, als er zu träumen wagte. Als er bei Müller-Catoir kündigte, standen dort fünf Hektar Rieslaner im Ertrag. Die Rebsorte war damit, hinter dem Riesling, zur zweitwichtigsten Rebsorte des Betriebs geworden.

Nicht nur den Rebsorten, sondern auch so mancher vorher nur mäßig beleumundeten Einzellage der Mittelhaardt verlieh Hans-Günter Schwarz Glanz. Die Lage sei, so betonte er, zwar wichtig, jedoch für die Qualität nicht das einzige entscheidende Kriterium. So stammten aus der Mußbacher Eselshaut Rieslinge, die denen des Haardter Bürgergartens fast ebenbürtig waren. Aus dem Hambacher Römerbrunnen kamen exzellente, cremige Weißburgunder.

Während seines Ruhestands beriet Hans-Günter Schwarz unentgeltlich Winzerkollegen, die ihn um Hilfe baten. Einem Südpfälzer Seiteneinsteiger, dessen Weine trotz Bentonit trüb wurden, empfahl er: „Wenn du ein Problem mit Bentonit hast, lass es einfach weg.“ Gesagt, getan. Fortan lief im Keller des Weinguts alles wie geschmiert.

Wir erheben unser Glas auf den wohl besten Weinmacher, den dieses Land jemals gesehen hat, und verabschieden uns von ihm mit einer seiner besten Weine, einer erwartungsgemäß perfekten Rieslaner Trockenbeerenauslese aus seinem größten und letzten Jahrgang, 2001.

WeinweißsüßRieslaner

2001er Mußbacher Eselshaut Rieslaner Trockenbeerenauslese

Müller-Catoir, Neustadt an der Weinstraße

Deutschland

Pfalz • Geschützte Ursprungsbezeichnung (g. U.)

Amtliche Prüfungsnummer 5174079 15 02 • 9 % vol Alkohol

20🯅

Verkostet am 27. November 2025 von Werner Elflein

Dunkles, bräunliches Kupferrot. Hohe Viskosität. In der Nase ein Feuerwerk der Trockenfrüchte. Von Dattel über Zitrusfrüchte bis zu Steinobst ist so ziemlich alles dabei. Am Gaumen präsentiert sich ein edelsüßer Rieslaner von atemberaubender Vielschichtigkeit und unendlicher Tiefe, der trotz seiner enormen Konzentration über ein hohes Maß an Eleganz und strahlender Frische verfügt. Er kleidet selbst noch den hintersten Mundwinkel mit einer feinen Cremigkeit aus, ohne dabei auch nur ansatzweise sättigend zu wirken. Eine reife, pikante Säure verleiht dem Geschmacksgeschehen eine großartige Spannung und versetzt die Zunge in Vibration. Die Süße steht naturgemäß zwar im Vordergrund, steht auch nicht im Wege. Stundenlanger Nachhall und eine Erinnerung, die Jahrzehnte anhalten dürfte. Ein großer Wein mit perfekter Balance, der scheinbare Gegensätze vereint. Teil des deutschen Weinkulturerbes.

Zeichenerklärung
🯅Die Bewertung des Weins basiert auf einen einzelnen Verkoster. Der Verkoster wird namentlich im Kontext der Bewertung genannt. Die Verkostung erfolgte entweder offen oder blind. Im Falle einer blinden Verkostung ist diese explizit als solche gekennzeichnet.
🯅🯅Die Bewertung des Weins basiert auf zwei Verkostern. Die Verkoster werden namentlich im Kontext der Bewertung genannt. Die Verkostung erfolgte nach dem Vier-Augen-Prinzip, bei der sich beide Verkoster auf eine gemeinsame Bewertung einigen.
🯅🯅🯅Die Bewertung basiert auf einer Verkostung unserer Jury und gibt den von uns aus den Einzelbewertungen der Verkoster errechneten Mittelwert an. Unser Mittelwert basiert auf dem Median.
Die Bewertung des Weins erfolgte im Rahmen einer Blindverkostung. Für eine Blindverkostung gelten bei uns strenge Regeln. Die Verkoster erhalten grundsätzlich keinerlei Informationen, die eine Identifizierung der Weine ermöglicht. Weitere Informationen, die über die Themenstellung hinausgehen, sind den Verkostern nur dann zugänglich, wenn sie für das Verständnis der Weine unbedingt erforderlich sind.
🕓Für die Verkostung des Weins stand uns – typischerweise während einer offenen Verkostungsveranstaltung, beispielsweise einer Weinmesse – nur wenig Zeit zur Verfügung. Der Wein konnte daher in seiner Entwicklung im Glas nicht über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Die Aussagefähigkeit unserer Bewertung kann daher unter Umständen eingeschränkt sein.
Der Wein wurde als Fassmuster oder vor Erteilung einer amtlichen Prüfungsnummer oder staatlichen Prüfnummer verkostet. Muster ungefüllter Weine werden von uns nur in Ausnahmefällen akzeptiert, und auch nur dann, wenn wir von einer ausreichenden Stabilität auf der Flasche für einen Zeitraum von mindestens drei Monaten ausgehen können.
Der Wein zeigte sich bei unserer Verkostung sensorisch auffällig. Dabei muss es sich nicht zwingend um einen Weinfehler handeln. Qualität und Quantität der Auffälligkeit werden von uns kategorisiert und fließen in die Bewertung ein. Weinfehler wie Korkschmecker oder die untypische Alterungsnote führen grundsätzlich zu einer vollständigen Ablehnung.
Verkostungen, die sich auf dieselbe Flasche eines Weins beziehen, werden optisch durch eine Punktelinie zusammengefasst.