Besser gereift mit Schraubverschluss
Studien belegen die Nachteile des Naturkorkens
17. März 2024
Werner Elflein
Bild: weinfreaks.deEigentlich müssten wir es alle längst wissen. Zahlreiche Studien renommierter Forschungsinstitute aus aller Welt belegen seit Jahren und Jahrzehnten, dass Weine in ihrer Reife von einem Drehverschluss genauso profitieren wie von einem Naturkorken, sofern letzterer – und dies ist leider viel zu oft nicht der Fall – von guter Qualität ist. Korkschmecker, Gerbstoffeinträge, Oxidation, Ausläufer, zerbröselndes Material, begrenzte Haltbarkeit – die Mängelliste des Naturkorkens ist lang. Dennoch ist der traditionelle Verschluss dank einer tiefen emotionalen, rational nicht zu erklärenden Bindung von Weinmachern und ‑trinkern vor allem bei hochwertigen Weinen meist noch immer erste Wahl. Während der Kork vom zweifelhaften Image eines Naturprodukts zehrt, lasten auf dem Drehverschluss noch immer Vorurteile, die vor allem aus der Pionierzeit stammen, als viele Dichtungen noch Weichmacher wie Bisphenol-A enthielten. Inzwischen haben sich jedoch längst Dichtscheiben aus sensorisch neutralem und gesundheitlich unbedenklichem Saran-Zinn durchgesetzt.
Viele Befürworter des Naturkorkens verweisen darauf, dass der Wein unter einem Naturkorken besser „atmen“ könne und somit ansprechender reife. In vielen Fällen führt die über einen undichten Naturkorken herbeigeführte Oxidation jedoch eher zu einer vorzeitigen Vernichtung des Flascheninhalts. Ob der Wein reduktiv oder oxidativ ausgebaut wurde, spielt dabei keine Rolle.
Messungen zeigen, dass die Bandbreite des Sauerstoffaustauschs bei Drehverschlüssen weitaus geringer ausfällt als die bei Naturkorken. Allerdings überlappen sich die Wertebereiche. Ein idealer Naturkorken unterscheidet sich daher in puncto Gasdichtigkeit kaum von einem Drehverschluss.
Über 20 Jahre lang dauerten die Versuchsreichen am Weinbauzentrum Wädenswil im Schweizer Kanton Zürich. Aus einem Tank wurden Flaschen mit verschiedenen Drehverschlüssen und Naturkorken gefüllt. Immer wieder wurden Flaschen geöffnet und überprüft. Die Ergebnisse waren eindeutig. Während sich beim Naturkorken mit zunehmenden Alter immer größere Differenzen zeigten, bescheinigten die Wädenswiler dem Wein mit Drehverschluss eine bessere Reife.
Andere Forschungsanstalten kommen zum gleichen Ergebnis. In der Neuen Welt hat sich daher der Drehverschluss längst auch im Segment der Spitzenweine etabliert.
Um die Ergebnisse der Forschungseinrichtungen nachzuvollziehen, natürlich ohne Anspruch auf Repräsentativität, verkosten wir einen 2012er Serriger Schloss Saarsteiner Riesling Kabinett von der Saar, den Winzer Christian Ebert vor elf Jahren teils mit Naturkorken, teils mit Drehverschluss gefüllt hat. Aus beiden Füllserien öffnen wir rund eine Stunde vor unserer Blindverkostung jeweils eine Flasche. Wir verkosten zu zweit. Für die Unterschiedsprüfung verwenden wir den Dreieckstest. In jeweils fünf Durchgängen hat jeder Verkoster je zwei Mal den Drehschluss und den Naturkorken als Abweichler vor sich im Glas, einmal sind alle Proben identisch (egal, ob Drehverschluss oder Naturkorken). Natürlich haben wir zum Zeitpunkt unserer Prüfungen keine Information über die Existenz oder die Art des Abweichlers.
… der Dreiecks- oder Triangeltest?
Der Dreiecks- oder Triangeltest ist ein weltweit verbreitetes Verfahren für sensorische Prüfungen. Dabei erhalten die Testpersonen drei zufällig nummerierte Proben. Zwei sind identisch, eine davon ist abweichend. Die Tester müssen nun herausfinden, welche der drei Proben abweicht. Für Stoffe, die am Gaumen oder im Rachen intensive und nachklingende Wirkung zeigen, ist der Test nicht anwendbar.
Mit dem Naturkorken hatten wir diesmal Glück. Die Dreieckstests zeigten keine sensorischen Unterschiede. Der Abweichler wurde nur in insgesamt drei von zehn Fällen erkannt (beziehungsweise erraten) und nur in zwei Fällen richtig der Verschlussart zugeordnet. Die identischen Proben wurden in beiden Fällen nicht erkannt. So gesehen spräche eigentlich nichts gegen den Naturkorken, wären da nicht die immer wieder auftretenden Mängel. Da sich jedoch eine bessere Reife beim Naturkorken in keiner der unabhängigen Studien und auch nicht in unserer Verkostung nachweisen ließ, geht der Drehverschluss aus dem Vergleich als klarer Punktsieger hervor. Dies ist keineswegs überraschend, und eigentlich wissen wir es alle auch längst.
Die Weine im Überblick
Schloss Saarstein
54455 Serrig
Deutschland
Telefon: +49 6581 2324
Telefax: +49 6581 6523
Internet: www.saarstein.de
E‑Mail: weingut@saarstein.de
2012er Serriger Schloss Saarsteiner Riesling Kabinett
Deutschland
Mosel • Geschützte Ursprungsbezeichnung (g. U.)
Amtliche Prüfungsnummer 3555014 9 13 • 8,5 % vol Alkohol
Zeichenerklärung
| 🯅 | Die Bewertung des Weins basiert auf einen einzelnen Verkoster. Der Verkoster wird namentlich im Kontext der Bewertung genannt. Die Verkostung erfolgte entweder offen oder blind. Im Falle einer blinden Verkostung ist diese explizit als solche gekennzeichnet. |
| 🯅🯅 | Die Bewertung des Weins basiert auf zwei Verkostern. Die Verkoster werden namentlich im Kontext der Bewertung genannt. Die Verkostung erfolgte nach dem Vier-Augen-Prinzip, bei der sich beide Verkoster auf eine gemeinsame Bewertung einigen. |
| 🯅🯅🯅 | Die Bewertung basiert auf einer Verkostung unserer Jury und gibt den von uns aus den Einzelbewertungen der Verkoster errechneten Mittelwert an. Unser Mittelwert basiert auf dem Median. |
| ⚖ | Die Bewertung des Weins erfolgte im Rahmen einer Blindverkostung. Für eine Blindverkostung gelten bei uns strenge Regeln. Die Verkoster erhalten grundsätzlich keinerlei Informationen, die eine Identifizierung der Weine ermöglicht. Weitere Informationen, die über die Themenstellung hinausgehen, sind den Verkostern nur dann zugänglich, wenn sie für das Verständnis der Weine unbedingt erforderlich sind. |
| 🕓 | Für die Verkostung des Weins stand uns – typischerweise während einer offenen Verkostungsveranstaltung, beispielsweise einer Weinmesse – nur wenig Zeit zur Verfügung. Der Wein konnte daher in seiner Entwicklung im Glas nicht über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Die Aussagefähigkeit unserer Bewertung kann daher unter Umständen eingeschränkt sein. |
| ⛬ | Der Wein wurde als Fassmuster oder vor Erteilung einer amtlichen Prüfungsnummer oder staatlichen Prüfnummer verkostet. Muster ungefüllter Weine werden von uns nur in Ausnahmefällen akzeptiert, und auch nur dann, wenn wir von einer ausreichenden Stabilität auf der Flasche für einen Zeitraum von mindestens drei Monaten ausgehen können. |
| ▲ | Der Wein zeigte sich bei unserer Verkostung sensorisch auffällig. Dabei muss es sich nicht zwingend um einen Weinfehler handeln. Qualität und Quantität der Auffälligkeit werden von uns kategorisiert und fließen in die Bewertung ein. Weinfehler wie Korkschmecker oder die untypische Alterungsnote führen grundsätzlich zu einer vollständigen Ablehnung. |
| Verkostungen, die sich auf dieselbe Flasche eines Weins beziehen, werden optisch durch eine Punktelinie zusammengefasst. |