Erdstromtrasse statt Weinberge
Hochheim am Main wehrt sich
13. Februar 2025
Werner Elflein
Bild: PixabayDeutschland steht vor einer Energiewende. Der Ausstieg aus der Kernenergie war nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen längst überfällig. Die fossilen Energieträger, deren Anteil an der Stromgewinnung weiterhin rückläufig ist, derzeit aber noch immer rund 35 Prozent ausmacht, sind nicht unbegrenzt verfügbar. Bei gleichbleibender Fördermenge wären die noch vorhandenen Rohstoffe spätestens in 100 Jahren erschöpft. Weil die Politik jahrzehntelang geschlafen hat, muss es jetzt schnell gehen. Eine vorausschauende und weitsichtige Planung bleibt dabei auf der Strecke. Mit der Brechstange werden Baumaßnahmen vorangetrieben, die geeignet sind, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer ganzen Region und nicht zuletzt eine Jahrtausende alte Weinkultur zu zerstören. Die Situation von Hochheim am Main schildert und kommentiert Werner Elflein.
Stellen wir uns vor, in Frankreich käme jemand auf die absurde Idee, für die Stromversorgung eine Erdstromtrasse mitten durch die Grand-Cru-Lagen von Vosne-Romanée zu legen. Zwar lägen die Kabel einbetoniert in geringer Tiefe unter der Erdoberfläche, auf einer Breite von 40 Metern dürften zum Schutz der Trasse jedoch keine tief wurzelnden Pflanzen stehen, also auch keine Reben.
Dass die hohe Abwärme der Starkstromkabel massiv das Mikroklima in den Weinbergen beeinflussen würde, steht außer Frage. Dass die weitere Bewirtschaftung der betroffenen Lagen in Gefahr wäre und den betroffenen Winzern die wirtschaftliche Grundlage entziehen würde, ebenso. Wütende Proteste wären nicht nur wahrscheinlich, sondern nahezu sicher.
Doch während die Franzosen noch Respekt vor ihren Kulturgütern zeigen und derlei Pläne schneller vom Tisch gewischt würden als sie darauf landen könnten, glänzt der Deutsche durch Gleichgültigkeit gegenüber seiner eigenen Tradition. Ernsthaften Widerstand müssen die für die Zerstörung deutscher Kulturgeschichte Verantwortlichen, die sich gerne hinter formellen Verwaltungsakten verschanzen, leider kaum befürchten. Wie im Fall des unsäglichen Hochmoselübergangs bei Ürzig, einer unansehnlichen Brücke, die das Moseltal ausgerechnet an einer der breitesten Stellen überspannt, eine halbe Milliarde Euro gekostet hat und nachgewiesenermaßen verkehrspolitisch völlig unnütz ist. Oder eben wie im Fall einer geplanten Erdstromtrasse durch weltberühmte Weinberge. Nicht die von Vosne-Romanée, wohlgemerkt, sondern die von Hochheim am Main.
Weinrechtlich dem Rheingau zugeordnet, liegt Hochheim außerhalb des Kerngebiets einige Kilometer östlich des Großraums Mainz/Wiesbaden am Unterlauf des Mains. Die hier und in den Nachbarorten angebauten Weine unterscheiden sich deutlich von denen des restlichen Anbaugebietes. Sowohl geologisch als auch mikroklimatisch herrschen in und um Hochheim gänzlich andere Voraussetzungen als auf der Rheinstrecke zwischen Lorch und Wiesbaden.
Der Weinbau blickt in Hochheim auf eine rund 2000-jährige Geschichte zurück. Hochheimer Wein erfreute sich bereits im 17. Jahrhundert in England unter dem Namen „Hock“ großer Beliebtheit und galt sogar allgemein als Synonym für deutschen Weißwein. Ein 1845 von der englischen Königin Victoria besuchter Weinberg trägt bis heute deren Namen. Rieslinge aus dem Hochheimer Kirchenstück, der Hölle, der Domdechaney, dem Reichestal oder der Kostheimer Weiß Erd zählen zu den wertvollsten deutschen Weinen.
Bild: unbekannte QuelleDer bekannte Arzt Friedrich Hoffmann schrieb 1721 in seinem Werk Gründliche Anweisung, wie ein Mensch durch vernünfttigen Gebrauch der Haus- und anderen Diätetischen Mittel, insonderheit des Weines, seine Gesundheit erhalten, und sich von schweren Kranckheiten befreyen könne: „Der allerbeste Rheinwein, mit welchem sich die höchste Personen von der Welt zu versorgen pflegen, ist der Hochheimer, und wächset bey einem Dorfe gleich gegen Maynz über, disseit des Rheines, nahe am Mayn, wie denn sehr mercklich ist, daß die Weine disseits des Flusses viel besser gerathen, als in den jenseits gelegenen Weingärten.“
Zu den Liebhabern des Hochheimer Weines zählte neben Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) auch der dritte amerikanische Präsident Thomas Jefferson (1743–1826).
Bild: Amprion
Bild: Amprion / Frank PeterschröderJust die besten Einzellagen stehen nun für die Errichtung einer Erdstromtrasse, dem so genannten Rhein-Main-Link, der ab 2033 aus Windenergie gewonnenen Strom von der Nordsee in den südlichen Teil Deutschlands transportieren soll, zur Disposition. Für die Planung des Trassenverlaufs hat die verantwortliche Bundesnetzagentur nicht etwa gesunden Menschenverstand, sondern künstliche Intelligenz bemüht. Offenbar wurde diese zuvor jedoch mit Metadaten zweifelhafter Qualität gefüttert. Die Folge: einer der beiden Planungskorridore verläuft – natürlich rein zufällig – am neuen NATO-Hauptquartier in Wiesbaden vorbei und im weiteren Verlauf zielsicher von Ost nach West mitten durch die besten Hochheimer Weinberge. Die zweite, bevorzugte Planungsvariante durchschneidet die Weinberge zwischen Kostheim und Hochheim im Wesentlichen von Norden nach Südosten. Obwohl Hochheim mit seinen Weinbergen eigentlich durch die Genfer Konvention geschützt ist. Für die betroffenen Winzer würde dies im schlimmsten Fall einen Verlust von bis zu einem Viertel der vorhandenen Rebfläche bedeuten, einzelne Weingüter verlören durch die drohende Enteignung gar die Hälfte ihres Weinbergsbesitzes.
So auch Gunter Künstler, der seit Jahrzehnten Spitzenweine erzeugt, die international Anerkennung finden: „Wenn 50 Prozent unserer Rebfläche, und davon die besten Lagen, wegfällt, ist das das Ende unseres Weinguts, weil wir dann die Verpflichtungen, die wir für die ursprüngliche Rebfläche eingegangen sind, nicht mehr bedienen können.“ Neben dem ruinösen Einfluss auf die Existenz der Winzer wären die Folgen für die Wirtschaftsleistung und das Image der Stadt Hochheim immens.
In der Politik stößt das rücksichts- und empathielose Verhalten der Bundesnetzagentur und der mit dem Bau beauftragten Dortmunder Firma Amprion von der kommunalen Ebene bis hinauf zum hessischen Ministerpräsidenten und einzelnen Bundestagsabgeordneten auf Empörung. Ein von den Winzern gemeinsam mit Fachleuten erarbeiteter Vorschlag einer Alternativtrasse neben den Autobahnen A3 und A67 sowie einer bereits vorhandenen Ethylen-Pipeline, wurde von der Bundesnetzagentur kaltschnäuzig und ohne weitere Prüfung verworfen.
Jonas Knoop, Projektsprecher der Amprion, teilt uns auf Anfrage mit, dass ein Verlauf der Stromtrasse außerhalb des so genannten Präferenzraums, der für beide Planungsvarianten lediglich 250 Meter breit ist, nicht möglich sei. „Wir müssen in diesem Raum verlaufen.“
Ein Fünkchen Hoffnung gibt es aber noch. „Klares Ziel ist, mit einer geschlossenen Bauweise das Weinanbaugebiet zu queren, also unter den Weinbergen hindurch zu bohren, sodass der Eingriff in die Weinreben vermieden oder zumindest auf das Nötigste reduziert werden kann“, so Knoop. Anstelle der nur wenige Meter unter der Erdoberfläche verlaufenden Erdstromtrasse könnte eine Tiefenbohrung den Schaden von den Weinbergen teilweise abwenden. Unklar ist jedoch, welche Auswirkungen in größerer Tiefe – hier sind zehn bis 20 Meter im Gespräch, Rebwurzeln reichen aber bis zu 15 Meter in die Tiefe – verlegte Stromkabel noch auf das Mikroklima der Weinberge hätten. Wärme steigt bekanntlich nach oben.
Doch selbst diese Kompromisslösung stößt teilweise noch auf Bedenken. Kleinkariert wird von Bürokraten auf die höheren Baukosten und einen damit verbundenen Anstieg der Strompreise verwiesen. Was völlig absurd ist. Erstens verdanken wir hierzulande die im Vergleich mit anderen Ländern maßlos überhöhten Strompreise politischen Fehlentscheidungen, in deren Folge sich die Preisfindung am Markt völlig von den Gestehungskosten entkoppelt hat. Eine Kilowattstunde Strom war im Juni 2024 in Deutschland mehr als doppelt so teuer wie in den Vereinigten Staaten. In weltweit nur drei Ländern war der Strom noch teurer: in Liechtenstein, auf den Kaimaninseln und auf den Bermudas (Quelle: globalpetrolprices.com). Zweitens ist mehr als fraglich, warum eine wenige hundert Meter lange Tiefenbohrung in Relation zur Größe des Gesamtnetzes signifikante Auswirkungen auf den Strompreis haben sollten.
Die Erkenntnis, dass in eine ganzheitliche Kostenbetrachtung viele weitere Parameter gehören und nicht nur die Baukosten, setzt sich erst langsam durch. Mit dem Niedergang des Weinbaus am Untermain und dem Wegfall der mit dem Weinbau verbundenen Arbeitsplätze würden die Gewerbesteuereinnahmen der betroffenen Gemeinden drastisch fallen, die Sozialausgaben ansteigen. Tourismus und Gastronomie würden ebenfalls massiv leiden.
Inzwischen hat der Hessische Landtag gefordert, weitgehend auf Erdkabel zu verzichten. Der Bau von Freileitungen würde das Projekt jedoch um mindestens fünf Jahre verzögern. Zudem benötigten die Freileitungsmasten Standflächen innerhalb der Weinberge. Folglich findet die Forderung des Landtags wenig Zustimmung unter den Winzern.
Die wiederum favorisieren in Abstimmung mit Amprion die Trassenführung vom Norden in südöstliche Richtung in Verbindung mit einer in größerer Tiefe verlaufenden Stromleitung. Mittels Probebohrungen wird nun geprüft, ob dies realisierbar ist. Die Prüfungen werden sich noch bis voraussichtlich Ende 2026 hinziehen.
Ob das Ergebnis der Prüfungen letztlich zu einem für die Winzer und das Hochheimer Kulturerbe zufriedenstellenden Ergebnis führen, bleibt abzuwarten. Stößt Amprion bei der Erkundung des Untergrunds zwischenzeitlich auf Gegebenheiten, die einer Tiefenbohrung entgegenstehen, dürfte sehr schnell wieder der ursprüngliche Plan favorisiert werden. Dessen Umsetzung würde jedoch das Ende der Jahrtausende alten Hochheimer Weinkultur einläuten.