Harteneck erfindet sich neu
Naturweine aus dem Markgräflerland
29. November 2020
Werner Elflein
Bild: PixabayDas Markgräflerland gilt als die Toskana Deutschlands. Tatsächlich lassen sich gewisse Ähnlichkeiten mit dem Umland der italienischen Stadt Florenz nicht leugnen. Klimatisch zählt das Markgräflerland zu den wärmsten Gegenden der Republik. Gleichzeitig profitiert der Landstrich von einer ausreichenden Niederschlagsmenge, die sich recht gleichmäßig über das Jahr verteilt. Hinzu kommen fruchtbare Böden, die meist aus Lössauflagen bestehen. Darunter findet sich eine Vielfalt verschiedener Gesteinsformationen, von Jura- und Muschelkalk über Kiesel bis hin zu Buntsandstein. Entsprechend vielfältig sind auch die Weine. Zumindest potenziell. Denn wie in anderen Regionen Badens wird auch im Markgräflerland der Weinbau in erster Linie von den Winzergenossenschaften betrieben. Die wiederum tun sich mit dem Thema Ökologie noch immer schwer. Wer während der Vegetationsperiode entlang der Weinberge durchs „Ländle“ fährt, kann die Folgen flächendeckender Herbizidausbringung kaum übersehen. Die Folge der rein auf Massenertrag ausgerichteten Bewirtschaftung der Weinberge: belanglose Weine, die keinerlei Herkunft zeigen.
Thomas Harteneck geht einen anderen Weg. Der gebürtige Pfälzer hat sich 1997 in Schliengen niedergelassen und zählt in Baden zu den Pionieren des biodynamischen Weinbaus. Mit seinem Weingut ist er Mitglied im Demeter-Verband. Statt Schädlinge mit Glyphosat und anderen fragwürdigen Mitteln der modernen Chemie zu bekämpfen, vertraut er dem natürlichen Gleichgewicht und verwendet Präparate aus Hornmist, Baldrianblüten, Löwenzahn oder Eichenrinde. Gesunde und vitale Böden – für Harteneck eine wichtige Grundlage für die Erzeugung komplexer Weine: „Boden ist lebendig! Zwei Drittel der Arten der Welt leben versteckt unter der Erdoberfläche. Und sie agieren mit den Pflanzen. Diese Symbiosen ermöglichen der biologisch bewirtschafteten Rebe mehr Nährstoffe und Wasser aus den Böden zu binden und schlicht gesünder zu sein.“ Oberirdisch fördert eine Dauerbegrünung aus Kräutern und blühenden Pflanzen die Biodiversität, schafft einen Lebensraum für Insekten und stellt das biologische Gleichgewicht im Weinberg her, das entscheidend zur Vielschichtigkeit der Weine beiträgt.
Wir verfolgen Thomas Hartenecks Weg inzwischen seit fast 15 Jahren. Den Status eines Geheimtipps hat er sich bis heute, trotz steigender Nachfrage nicht zuletzt auch aus dem Ausland, bewahrt. In den meisten Mainstream-Publikationen wird das Weingut, wenn überhaupt, lediglich am Rande erwähnt. Weine, die fordern und die Grenzen der konventionellen Weinbereitung überschreiten, sind den Verkostern suspekt. Sie verstehen die Weine nicht, und damit auch wenig vom Wein an sich. Ecken und Kanten würden ihnen fehlen, war vor einigen Jahren in einem Kommentar zu lesen. Wir wissen nicht genau, was uns der Verfasser damit sagen wollte, sind jedoch der Ansicht, dass Hartenecks Weine irgendwelche vermeintlichen Ecken und Kanten gar nicht brauchen. Sie sind vielmehr der Inbegriff innerer Ruhe und natürlicher Harmonie. Sie zeigen komplexe, aber niemals überbordende oder gar aufgesetzt wirkende Fruchtaromen. Wenngleich sich die Fachwelt noch immer schwertut, Herkunftsattribute ungeschwefelter und naturtrüber Weine zu benennen, sind wir überzeugt, dass diese in Hartenecks Weinen durchaus erkennbar zum Ausdruck kommen.
Die wahre Komplexität von Thomas Hartenecks Weine erschließt sich niemals auf den ersten Schluck. Sie verfügen über eine tiefgründige Aromendichte, die beim Trinken immer wieder weitere, zuvor verborgene Facetten eröffnet und neue Sinneseindrücke hervorruft.
2018 war für Thomas Harteneck ein Jahr der Weiterentwicklung. Ein Jahr, in dem er sich als Weinmacher neu erfand, ohne seiner bisherigen Stilistik untreu zu werden. Neben Klassikern wie dem Gutedel, die Harteneck weiterhin auf gewohnte Weise erzeugt, ist das bisherige Premiumsegment seines Sortiments einer Serie allenfalls schwach geschwefelter Naturweine gewichen. Hier gibt es nun unter anderem einen „Vollmond“ Chasselas, der nach den Vorgaben des Mondkalenders und unter Beachtung planetarischer Konstellationen entsteht, einen mineralischen „Jurakalk“ Auxerrois und mit dem Geigenmantel Grauburgunder einen echten, von hochwertigen Phenolen geprägten Orangewein. „Paradies“ Merlot und „Diva“ Pinot Noir sind fruchtbetonte und saftige Rotweine, die durch markante wie perfekt geschliffene und ausbalancierte Tannine bestechen. An der Spitze stehen ein Pétillant Naturel und eine außergewöhnliche Rotweincuvée aus Cabernet Franc, Spätburgunder und Merlot, beide mit dem Namen „Mythos“ versehen.
Zugegeben, diese Naturweine schmecken alles andere als konventionell. Sie sind aber weit entfernt von jenem Zerrbild, das in den Köpfen skeptischer Weintrinker zu einer Zeit entstanden ist, als die Erzeugung von Naturweinen noch weitgehend experimentiellen Charakter hatte. Weil sich die Qualitätsweinprüfung noch immer an überkommenen Bewertungskriterien klammert, füllt Thomas Harteneck inzwischen nur noch Badische Landweine und verzichtet auf die amtliche Prüfungsnummer. Den Liebhabern seiner Weine ist das egal, zumal die aktuelle Kollektion über jeden Zweifel erhaben ist und Hartenecks Weine längst zu den ganz großen zählen.
Die Weine im Überblick
Thomas Harteneck
Brezelstraße 15
79418 Schliengen
Deutschland
Telefon: +49 7635 8837
Telefax: +49 7635 823755
Internet: www.weingut-harteneck.de
E‑Mail: info@weingut-harteneck.de
2019er Weißburgunder Landwein trocken
Deutschland
Badischer Landwein • Geschützte geografische Angabe (g. g. A.)
Losnummer 10 20 • 12 % vol Alkohol
2019er „Jurakalk“ Auxerrois
Deutschland
Badischer Landwein • Geschützte geografische Angabe (g. g. A.)
Losnummer 31 20 • 12,5 % vol Alkohol
2019er „Vollmond“ Chasselas Landwein
Deutschland
Badischer Landwein • Geschützte geografische Angabe (g. g. A.)
Losnummer 34 20 • 11,5 % vol Alkohol
2019er Geigenmantel Grauburgunder
Deutschland
Badischer Landwein • Geschützte geografische Angabe (g. g. A.)
Losnummer 29 20 • 13 % vol Alkohol
2019er Rosé fruchtig
Deutschland
Badischer Landwein • Geschützte geografische Angabe (g. g. A.)
Losnummer 36 20 • 11,5 % vol Alkohol
2019er „Diva“ Pinot Noir
Deutschland
Badischer Landwein • Geschützte geografische Angabe (g. g. A.)
Losnummer 35 20 • 12,5 % vol Alkohol
2018er Gutedel Landwein trocken
Deutschland
Badischer Landwein • Geschützte geografische Angabe (g. g. A.)
Losnummer 3 19 • 11,5 % vol Alkohol
2018er „Mythos“
Deutschland
Losnummer 32 18 • 14,5 % vol Alkohol
2018er „Mythos“
Deutschland
Badischer Landwein • Geschützte geografische Angabe (g. g. A.)
Losnummer 33 19 • 14,5 % vol Alkohol
2018er „Paradies“ Merlot
Deutschland
Badischer Landwein • Geschützte geografische Angabe (g. g. A.)
Losnummer 21 19 • 14,5 % vol Alkohol
Zeichenerklärung
| 🯅 | Die Bewertung des Weins basiert auf einen einzelnen Verkoster. Der Verkoster wird namentlich im Kontext der Bewertung genannt. Die Verkostung erfolgte entweder offen oder blind. Im Falle einer blinden Verkostung ist diese explizit als solche gekennzeichnet. |
| 🯅🯅 | Die Bewertung des Weins basiert auf zwei Verkostern. Die Verkoster werden namentlich im Kontext der Bewertung genannt. Die Verkostung erfolgte nach dem Vier-Augen-Prinzip, bei der sich beide Verkoster auf eine gemeinsame Bewertung einigen. |
| 🯅🯅🯅 | Die Bewertung basiert auf einer Verkostung unserer Jury und gibt den von uns aus den Einzelbewertungen der Verkoster errechneten Mittelwert an. Unser Mittelwert basiert auf dem Median. |
| ⚖ | Die Bewertung des Weins erfolgte im Rahmen einer Blindverkostung. Für eine Blindverkostung gelten bei uns strenge Regeln. Die Verkoster erhalten grundsätzlich keinerlei Informationen, die eine Identifizierung der Weine ermöglicht. Weitere Informationen, die über die Themenstellung hinausgehen, sind den Verkostern nur dann zugänglich, wenn sie für das Verständnis der Weine unbedingt erforderlich sind. |
| 🕓 | Für die Verkostung des Weins stand uns – typischerweise während einer offenen Verkostungsveranstaltung, beispielsweise einer Weinmesse – nur wenig Zeit zur Verfügung. Der Wein konnte daher in seiner Entwicklung im Glas nicht über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Die Aussagefähigkeit unserer Bewertung kann daher unter Umständen eingeschränkt sein. |
| ⛬ | Der Wein wurde als Fassmuster oder vor Erteilung einer amtlichen Prüfungsnummer oder staatlichen Prüfnummer verkostet. Muster ungefüllter Weine werden von uns nur in Ausnahmefällen akzeptiert, und auch nur dann, wenn wir von einer ausreichenden Stabilität auf der Flasche für einen Zeitraum von mindestens drei Monaten ausgehen können. |
| ▲ | Der Wein zeigte sich bei unserer Verkostung sensorisch auffällig. Dabei muss es sich nicht zwingend um einen Weinfehler handeln. Qualität und Quantität der Auffälligkeit werden von uns kategorisiert und fließen in die Bewertung ein. Weinfehler wie Korkschmecker oder die untypische Alterungsnote führen grundsätzlich zu einer vollständigen Ablehnung. |
| Verkostungen, die sich auf dieselbe Flasche eines Weins beziehen, werden optisch durch eine Punktelinie zusammengefasst. |