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Naturals erobern die Weinwelt

Früher kritisch beäugt, heute etabliert

22. Juli 2020
Werner Elflein

naturals-erobern-die-weinwelt.jpgBild: Deutsches Weininstitut

Naturweine, auch Naturals genannt, bilden heute eine eigenständige und anerkannte Weinkategorie. Dass dies einmal der Fall sein würde, hätte vor zehn oder zwanzig Jahren kaum jemand ernsthaft erwartet. Zu recht. Denn lange waren viele der Weine schlicht fehlerhaft. Inzwischen hat sich das Bild jedoch entscheidend gewandelt. Ein Kommentar von Werner Elflein.

Als Naturwein (auch Naturreiner Wein, Artisan Wine, Naked Wine, Natural Wine, Vin Naturel, Vin Vivant) werden Weine bezeichnet, die möglichst ohne Zusätze und ohne aufwändige önologische Verfahren produziert wurden. Dafür ist bereits die Bewirtschaftung im Weinberg Grundlage. Daher wird der ökologische Weinbau als Voraussetzung für Naturwein gesehen. Ebenso ausschlaggebend ist die Vorgehensweise in der weiteren Verarbeitung; so soll der Produzent durch Verzicht auf Zusatzstoffe und Hilfsmittel ein möglichst „natürliches“ Produkt erzeugen. Die frühere weinrechtliche Definition als Verzicht auf Anreicherung tritt dabei in den Hintergrund. Die Verwendung der Bezeichnung Naturwein ist umstritten.

Quelle: Wikipedia

Wenn wir uns bei weinfreaks.de in der Vergangenheit mit Naturweinen ein wenig schwer getan haben, liegt dies nicht daran, dass für ihre Beurteilung besondere Kriterien gelten würden, die sich auf nicht mit einem konventionellen Weinverständnis vereinbaren lassen. Dies ist ganz und gar nicht der Fall. Vielmehr waren es schlicht handwerkliche Fehler, die uns zu teilweise heftigem Kopfschütteln zwangen.

Wir erinnern uns an lehrreiche Erfahrungen in der Vergangenheit, etwa mit dem sizilianischen Rotwein „Magma“ aus dem Jahr 2001. Der Belgier Frank Cornelissen, der sich als Aussteiger in Castiglione di Sicilia niederließ, verzichtete bei seinem Wein auf jegliche Schwefelgabe. Zweifellos handelte es sich um einen großen Wein, vielleicht einen der größten, den wir jemals getrunken haben. Leider aber wich die Freude bald der Ernüchterung, als nach dem Winter die Temperatur im Keller anstieg und die mikrobiologische Zeitbombe zündete. Was wir dann bei einer Nachverkostung nach nur wenigen Monaten im Glas vorfanden, ließ sich treffend mit der Aromatik und dem Mundgefühl von Schurwolle beschreiben.

Mit ungeschwefelten Weißweinen waren wir in der Vergangenheit selten glücklich, wirkten sie doch auf uns bereits im Jungweinstadium ausgezehrt, deutlich gealtert und geradezu gebrechlich. Ein Winzer von den Mosel gab einmal mit einem leichten Augenzwinkern zu, seinem Publikum auf die Frage, warum er Sulfite verwende, einen ungeschwefelten Riesling mit den Worten „Weil’s sonst so schmeckt“ zu präsentieren.

Uns scheint, als habe der weitgehend irrationale Wunsch vieler Konsumenten nach ungeschwefelten Weinen zu mancherlei Missverständnis geführt. Denn grundsätzlich enthält jeder Wein schon auf natürlichem Wege Sulfite. Schwefelfreie Weine gibt es also gar nicht. Es kann folglich nicht um die Frage gehen, ob Schwefel im Wein enthalten sein soll oder nicht, sondern höchstens darum, wieviel davon hinzugebeben werden muss, um einen Wein für eine angemessene Zeit zu konservieren. Welche Zeitspanne jedoch als angemessen gilt, ist Ansichtssache. Wir fragen uns allerdings, was ein Weingenießer, der in aller Regel die Entwicklung eines Weines über einen längeren Zeitraum verfolgen möchte, mit einem Produkt anfangen soll, das nur für sehr kurze Zeit haltbar ist. Hier sind unseres Erachtens die Weinmacher gefordert, eine Haltbarkeit von zumindestens einigen wenigen Jahren zu gewährleisten – Naturwein hin oder her.

Die immer wieder geäußerte Behauptung, der im Wein gebundene Schwefel verursache Kopfschmerzen, gehört ins Reich der Legenden. Allergische Reaktionen gegen Schwefel sind äußerst selten, und wer zum Wein histaminreiche Speisen verzehrt, muss sich über die Wirkung nicht wundern, sollte diese aber nicht voreilig dem alkoholischen Getränk zuschreiben. Rein sachlich gibt es gegen den Schwefelzusatz nicht wirklich ein gewichtiges Argument.

Unterschieden werden muss in der Diskussion zwischen der Schwefelung des Mostes und der Sulfitgabe nach der Gärung. Eine behutsame Mostschwefelung setzt dem Wein deutlich weniger zu.

Glücklicherweise gibt es in der Naturweinszene inzwischen genügend Erzeuger, die ihre Entscheidung für oder gegen den Schwefel individuell vom Wein und nicht von einem weltfremden Dogma abhängig machen. Was uns zudem äußert wichtig erscheint: Die junge Winzergeneration verfügt über eine hervorragende Ausbildung und hat ihre Hausaufgaben gemacht. Denn wer sich ganz auf die Natur verlässt und auf das Auffangnetz der modernen Kellertechnik verzichtet, muss wissen, war er tut und was er wann unterlassen darf. Wir sind der Überzeugung, dass gerade die immer höhere Qualifikation insbesondere der deutschen Winzer entscheidend zum Durchbruch der Naturweine beigetragen hat.

Mehr und mehr drängen in jüngster Zeit Naturweine auf den Markt, oft von Winzern, die hier neben ihrer konventionellen Produktpalette eine Nische sehen. Begleitend damit ist die Qualität von Naturweinen signifikant gestiegen. Dem Wunsch der Weintrinker nach möglichst ursprünglichen, unbehandelten (und möglichst nach den Prinzipien der Biodynamie erzeugten) Weinen folgend, handelt sich auch keineswegs mehr nur um eine Modeerscheinung. Auf dem ehemaligen Experimentierfeld haben sich Naturals inzwischen als ernst zu nehmende eigenständige Weinkategorie etabliert.

Naturweine bieten oft Geschmackserlebnisse weitab des Mainstreams, die von vielen Weinexperten mitunter nur aufgrund ihrer Individualität als fehlerhaft eingestuft werden. Dies ist insofern verwunderlich, als dass es für nahezu alle Weinfehler klare Normen gilt, die für alle Weinkategorien gleichermaßen gelten. Die subjektive und nicht objektivierbare Wahrnehmung vermeintlicher Weinfehler tritt jedoch bei Naturweinen gehäuft auf. Hier ist daher jeder Verkoster aufgefordert, sich professionell zu verhalten und seine persönlichen Geschmacksvorlieben hinten anzustellen.