Pestizide oder Klimawandel?
Bestand des Apollofalters an der Terrassenmosel gefährdet
17. Dezember 2023
Werner Elflein
Bild: PixabayIn der biologischen Nomenklatur wird der Apollofalter unter dem Namen Paranassius apollo geführt. Im unteren Moseltal lebt die Subspezies Paranassius apollo vinningensis vor allem in den steilen Weinbergen zwischen der namensgebenden Gemeinde Winningen und dem benachbarten Kobern. Nennenswerte Bestände gibt es daneben auch im Klottener Dortebachtal, am Valwiger Apolloweg und bei Bremm. Der Apollofalter zählt in Deutschland zu den gefährdetsten Schmetterlingsarten. Als einziger nicht-tropischer Schmetterling wurde er in das Washingtoner Artenschutzabkommen aufgenommen.
Lange Zeit war der Apollofalter das Symbol eines gelungenen Miteinanders von Ökologie und Weinbau. Doch nun ist die Schmetterlingsart ernsthaft gefährdet. Schuld daran sollen neue Pflanzenschutzmittel sein, die seit zehn Jahren im Weinbau eingesetzt werden. Die Zusammenhänge stellen sich bei genauerer Betrachtung allerdings wesentlich komplexer dar.
Nach einem extremen Winter brach die Population des Apollofalters an der Terrassenmosel im Sommer 2012 um 90 Prozent ein. Seitdem hat sich die Zahl der Falter nicht mehr erholt. Im Gegenteil. Zwar wurde in den Jahren 2013 und 2014 die Population wieder auf 500 bis 750 Schmetterlinge geschätzt (zum Vergleich: 1000 bis 1500 im Jahr 2011). In den Folgejahren ging der Bestand jedoch weiter zurück. Zwischen 2015 und 2018 auf nur noch 300 bis 500 Exemplare, seit 2021 sogar auf wahrscheinlich weniger als 200.
Schmetterlingskundler machen den Einsatz neuer Pflanzenschutzmittel für den dramatischen Rückgang verantwortlich. Die Pestizide, auf die sie verweisen, kamen allerdings erst ab 2013 – und das auch nicht in jedem Jahr – zum Einsatz. Die darin enthaltenen Wirkstoffe sieht der unabhängige Pestizidexperte Lars Neumeister, der unter anderem Greenpeace und den World Wide Fund For Nature (WWF) berät, allerdings als ungefährlich für Insekten an.
Auf der Internetplattform des Lepiforums, einem Verein, der sich der Wissenssammlung über alle mitteleuropäischen Schmetterlingsarten widmet, schlagen die Schmetterlingsfreunde Alarm. „Da muss man einen Skandal konstruieren […] und […] den Medien ihre dringend benötigten Klickzahlen liefern“, schreibt ein Schmetterlingsfreund aus Dinslaken. „Bei Politikern instrumentalisiert man dafür am besten den politischen Gegner. Mit sachlichen Briefen, die ja immerhin vom Ministerium sogar beantwortet werden, erreicht man nicht das, was man jetzt möglichst unverzüglich braucht.“
Gesagt, getan. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sprang auf den fahrenden Zug auf und kürte den Apollofalter jüngst zum Schmetterling des Jahres 2024. In seiner am 30. November 2023 mit der reißerischen Schlagzeile „Majestätischer Falter durch Pestizideinsatz vom Aussterben bedroht“ erschienenen Pressemitteilung blendet der BUND andere mögliche Ursachen des Schmetterlingssterbens von vornherein aus – obwohl es keine Hinweise für eine schädliche Wirkung der Pestizide gibt. Es scheint, als ginge es dem BUND und den Mainstreammedien, die in ihrer Berichterstattung über den Apollofalter unkritisch auf der Welle einer öffentlichen Stimmung gegen die an der Terrassenmosel üblichen Hubschrauberspritzungen reiten, primär um die eigene Profilierung auf dem Rücken des Apollofalters und der Steillagenwinzer.
Reinhard Löwenstein vom Winninger Weingut Heymann-Löwenstein ärgert sich über die einseitige Berichterstattung. Unter dem Titel „Rettet den Apollofalter“ hat er einen Text verfasst, in dem er sich gegen den „Angriff von Fundamentalisten auf wertvolles Steillagenbiotop“ wendet. Für ihn spielen vor allem die sich verändernden klimatischen Bedingungen eine gewichtige Rolle: „Die Entwicklungsphasen des Falters korrelieren immer weniger mit der Blüte der Futterpflanzen, die Winter sind zu feucht, die Sommer zu trocken.“ Keine guten Bedingungen für das Überleben des Schmetterlings.
Der BUND fordert Alternativen zum derzeit praktizierten Pflanzenschutz, nennt aber keine beim Namen. Ökologischer Weinbau (im Sinne der zweifellos ohnehin diskussionswürdigen Rechtsvorschriften der Europäischen Union) stößt in den steilen Weinbergsterrassen, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen, an seine Grenzen. Löwenstein: „Terrassenweinberge sind […] eine von Menschen über Jahrtausende angelegte und gepflegte Kulturlandschaft. Werden Weinberge wieder der Natur überlassen, erstickt wucherndes Gestrüpp die einzigartige Steillagenflora und -fauna innerhalb weniger Jahre. Mit diesem Szenario waren unsere Vorfahren vor 170 Jahren konfrontiert, als der Weinbau durch aus Amerika eingeschleppte Krankheiten fast komplett zum Erliegen kam. Die Rettung erfolgte durch die Entwicklung von Pestiziden. Darauf sind die Reben nach wie vor angewiesen.“ – und auch der Apollofalter, dessen Lebensraum noch stärker bedroht würde, müsste der Pflanzenschutz, wie es die Fanatiker fordern, eingeschränkt oder gar eingestellt werden.
Winzerkollege Martin Gerlach vom Weingut von Schleinitz in Kobern-Gondorf pflichtet dem bei. Für ihn wäre eine Dauerbegrünung der meist nur spärlich bewachsenen Schieferböden zur Erhaltung der über Jahrhunderte bestehenden mediterranen Tier- und Pflanzenwelt ausgesprochen kontraproduktiv. Die in den Weinbergen lebenden Amphibien verlören die Möglichkeit, ihre Körpertemperatur auf dem von der Sonne erwärmten steinigen Boden zu regulieren, und auch der Apollofalter fände ein verändertes, für ihn ungeeignetes Nahrungsangebot vor.
Bild: PixabayWas gegen eine schädliche Wirkung der Pestizide spricht: Direkt in den Weinbergsparzellen, wo mit dem Hubschrauber gespritzt wird, werden nach wie vor Apollofalter gesichtet. Dagegen konnte, so Löwenstein, im vergangenen Sommer „in einigen, weit von jeder möglichen Abdrift entfernten und bekannten Hotspots […] trotz Entbuschung kein Falter gezählt werden.“
Der Biologe Dr. Detlef Mader erforscht seit Jahren die Populationsentwicklung des Apollofalters und hat sie in mehreren Studien dokumentiert, zuletzt 2022 unter dem Titel „Prolongation der Apokalypse des Mosel-Apollo am Limit der Extinktion: Stagnation, Comeback oder Requiem?“ Den „drastischen Populationszusammenbruch von Mosel-Apollo, Segelfalter und anderen Insekten“ begründet der Wissenschaftler mit einer arktischen Dauerfrostperiode im Februar 2012 und den sich anschließenden, seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr so kalten Frühjahrsmonaten. Dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln schreibt er allenfalls einen marginalen Effekt zu, der einerseits auch nur einen schleichenden oder graduellen Rückgang und andererseits keineswegs die zeitweise Erholung der Population auf bis zu 750 Exemplare im Jahr 2013 erklären würde.
Für seine Studien hat Mader akribisch Klimadaten der vergangenen 200 Jahre ausgewertet. Die aktuelle Entwicklung ist für ihn kein Zufall, sondern korreliert mit den langfristigen klimatischen Veränderungen.
Zudem lässt sich ein weiteres Argument nur schwer entkräften. Die schon seit Jahrzehnten durchgeführten Hubschrauberspritzungen hatten in der Vergangenheit nur im Falle eines einzigen Pflanzenschutzmittels, Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT), einen nachgewiesenen negativen Effekt auf die Verbreitung des Apollofalters. DDT ist jedoch bereits seit 1977 verboten.
Sicher ist: Ein engstirniger Disput zwischen fundamentalistischen Pseudo-Naturschützern und Winzern ist dem zweifellos vorhandenen gemeinsamen Anliegen, den Apollofalter vor dem Aussterben zu bewahren, nicht förderlich. Schließlich sind nicht zuletzt auch die Winzer um den symbolträchtigen Schmetterling besorgt und offen für konstruktive Vorschläge.