Stilmittel Reduktion
Das Spiel mit dem Feuerstein
29. März 2024
Werner Elflein
Bild: Pixabay… Reduktion?
Eine Reduktion entsteht während der Gärung aus einer Stresssituation der Hefen vor allem aufgrund mangelndem Sauer- oder Stickstoff. Sie äußert sich im Wein als schweflige Duftnote, die an abgebrannte Streichhölzer, Zündplättchen oder Feuerstein erinnert. Die Reduktion ist von dem verwandten Mercaptanböckser, der unangenehme Gerüche unter anderem nach faulen Eiern hervorbringen kann und einen schwerwiegenden Weinfehler darstellt, abzugrenzen. Weil manche Reduktionsnoten als durchaus angenehm empfunden werden, versuchen viele Weinmacher, sie im Wein gezielt hervorzubringen.
Bei Reduktionsnoten scheiden sich die Geister. Je nach Art und Ausprägung erfahren sie Ablehnung, Akzeptanz oder rufen beim Weintrinker gar Begeisterung hervor. Oft wirken sie gewollt, nicht immer gekonnt. Insbesondere den Trend zu reduktiven, aromatisch eindimensionalen Chardonnays mit aufgesetzt wirkender Feuersteinnote sehen wir kritisch. Eine Reduktionsnote sollte, sofern vorhanden, die Aromatik eines Weines vorteilhaft ergänzen, sie aber nicht ersetzen.
Der 2018er Spätburgunder „Muschelkalk“ aus dem Ingelheimer Weingut J. Neus ist für uns ein gelungenes Beispiel, wie eine durchaus markante Reduktion einem Wein neue Facetten verleihen kann. Er wirkt trotz 12,5 % Alkohol eher leichtgewichtig, gleitet elegant über die Zunge, besticht durch kühle Aromen von Cassis, verfügt über sehr zurückhaltende Tannine und kann mit einer guten Länge punkten. Jedoch stößt seine ausgeprägte Reduktionsnote, die sich durch jahrelange Flaschenreife nicht signifikant zurückbildet, nicht überall auf Zustimmung.
Selbst seine Erzeuger zogen eine selbstkritische Bilanz und entschieden sich für Veränderungen. Enthielt der 2018er noch ausschließlich den für die (zu?) ausgeprägte Cassisaromatik verantwortlichen Neus-Klon, so erfolgt seit einigen Jahrgängen ein Verschnitt mit dem Ertrag einer Junganlage, die mit einer Sélection massale bepflanzt wurde. Außerdem kehrten die Macher zum Naturkorken zurück, weil sie einen Zusammenhang zwischen dem Drehverschluss und der Reduktionsnote annahmen.
… der Neus-Klon?
Der Neus-Klon geht auf den Gründer des Weinguts J. Neus, den aus Niederfell an der Terrassenmosel stammenden Josef Neus, zurück, der 1881 nach Ingelheim kam. Er züchtete einen Spätburgunderklon, der eine für die damalige Zeit bemerkenswerte Resistenz gegen die Reblaus und diverse Pilzerkrankungen aufwies und heute noch in den Weinbergen rund um Ingelheim zu finden ist. Auffällig ist seine stark an Cassis erinnernde Aromatik.
Von dem 2018er Spätburgunder „Muschelkalk“ verkosteten wir zwei Abfüllungen, die sich anhand der Amtlichen Prüfungsnummer auf dem Flaschenetikett unterscheiden lassen. Die frühere trägt die laufende Füllnummer 4, die spätere die 10. Die Unterschiede ließen sich im Dreieckstest leicht identifizieren. Obwohl sich beide Abfüllungen erwartungsgemäß im Wesentlichen gleichen, weisen sie im Detail doch Unterschiede auf. So profitierte die spätere Füllung eindeutig von der längeren Reife im Fass. Sie verfügt über eine etwas dichtere Frucht, die neben der dominierenden Cassisnote auch etwas Kirsche zeigt. Und: Die Reduktion ist weniger stark ausgeprägt. Hierin sehen wir unseren Verdacht bestätigt, dass dem Wein grundsätzlich eine längere Reife im Fass besser zu Gesicht gestanden hätte. Der Drehverschluss ist zweifellos für die Reduktionsnoten nicht mitverantwortlich.
Mit den Nachfolgejahrgängen 2020 und 2021 ist der „Muschelkalk“ erwachsen geworden. Reduktionsnoten sind kaum noch wahrnehmbar, der Wein ist nun deutlich komplexer und ausbalancierter, die Tanninqualität eine höhere. So gesehen hat das Weingut hinsichtlich der Verarbeitung im Keller die richtigen Entscheidungen getroffen. Den Wechsel zurück zum anachronistischen Naturkorken halten wir allerdings für überflüssig und verfehlt.
… eine Sélection massale?
Im Gegensatz zur Klon-Züchtung setzt die Sélection massale auf Biodiversität. Rebstöcke werden aufgrund spezieller Eigenschaften standortspezifisch ausgewählt und vermehrt. Eine genetische Varianz ist hier ausdrücklich erwünscht und führt zu individuelleren Weinen. Die Sélection massale, ab den 1960er Jahren von der klonalen Selektion verdrängt, gewinnt heute zunehmend wieder an Bedeutung.
Die Weine im Überblick
J. Neus
Bahnhofstraße 96
55218 Ingelheim am Rhein
Deutschland
Telefon: +49 6132 73003
Telefax: +49 6132 2690
Internet: www.weingut-neus.de
E‑Mail: info@weingut-neus.de
2018er Spätburgunder Muschelkalk Qualitätswein trocken
VDP.GUTSWEIN ®
Deutschland
Rheinhessen • Geschützte Ursprungsbezeichnung (g. U.)
Amtliche Prüfungsnummer 4366208 10 20 • 12,5 % vol Alkohol
2018er Spätburgunder Muschelkalk Qualitätswein trocken
VDP.GUTSWEIN ®
Deutschland
Rheinhessen • Geschützte Ursprungsbezeichnung (g. U.)
Amtliche Prüfungsnummer 4366208 4 20 • 12,5 % vol Alkohol
Zeichenerklärung
| 🯅 | Die Bewertung des Weins basiert auf einen einzelnen Verkoster. Der Verkoster wird namentlich im Kontext der Bewertung genannt. Die Verkostung erfolgte entweder offen oder blind. Im Falle einer blinden Verkostung ist diese explizit als solche gekennzeichnet. |
| 🯅🯅 | Die Bewertung des Weins basiert auf zwei Verkostern. Die Verkoster werden namentlich im Kontext der Bewertung genannt. Die Verkostung erfolgte nach dem Vier-Augen-Prinzip, bei der sich beide Verkoster auf eine gemeinsame Bewertung einigen. |
| 🯅🯅🯅 | Die Bewertung basiert auf einer Verkostung unserer Jury und gibt den von uns aus den Einzelbewertungen der Verkoster errechneten Mittelwert an. Unser Mittelwert basiert auf dem Median. |
| ⚖ | Die Bewertung des Weins erfolgte im Rahmen einer Blindverkostung. Für eine Blindverkostung gelten bei uns strenge Regeln. Die Verkoster erhalten grundsätzlich keinerlei Informationen, die eine Identifizierung der Weine ermöglicht. Weitere Informationen, die über die Themenstellung hinausgehen, sind den Verkostern nur dann zugänglich, wenn sie für das Verständnis der Weine unbedingt erforderlich sind. |
| 🕓 | Für die Verkostung des Weins stand uns – typischerweise während einer offenen Verkostungsveranstaltung, beispielsweise einer Weinmesse – nur wenig Zeit zur Verfügung. Der Wein konnte daher in seiner Entwicklung im Glas nicht über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Die Aussagefähigkeit unserer Bewertung kann daher unter Umständen eingeschränkt sein. |
| ⛬ | Der Wein wurde als Fassmuster oder vor Erteilung einer amtlichen Prüfungsnummer oder staatlichen Prüfnummer verkostet. Muster ungefüllter Weine werden von uns nur in Ausnahmefällen akzeptiert, und auch nur dann, wenn wir von einer ausreichenden Stabilität auf der Flasche für einen Zeitraum von mindestens drei Monaten ausgehen können. |
| ▲ | Der Wein zeigte sich bei unserer Verkostung sensorisch auffällig. Dabei muss es sich nicht zwingend um einen Weinfehler handeln. Qualität und Quantität der Auffälligkeit werden von uns kategorisiert und fließen in die Bewertung ein. Weinfehler wie Korkschmecker oder die untypische Alterungsnote führen grundsätzlich zu einer vollständigen Ablehnung. |
| Verkostungen, die sich auf dieselbe Flasche eines Weins beziehen, werden optisch durch eine Punktelinie zusammengefasst. |