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Virginia on the road

Die Entwicklung einer jungen Weinregion

13. Mai 2024
Werner Elflein

virginia-on-the-road.jpgBild: Pixabay
Weinberge in Virginia

Gemessen an der gesamten Rebfläche der Vereinigten Staaten mag Virginias Weinbau nur eine Nebenrolle spielen. Qualitativ haben die Weine des Bundesstaates an der amerikanischen Ostküste in den vergangenen Jahrzehnten jedoch zunehmend Bedeutung erlangt. Wenngleich Virginias Weine auf internationaler Bühne bisher wenig bekannt sind, entwickeln sie sich mehr und mehr zu wichtigen Exportgütern.

Virginia ist eine noch junge Weinregion. Erst im späten 18. Jahrhundert legten europäische Einwanderer hier die ersten Weinberge an. Darunter auch Thomas Jefferson, einer der Gründerväter und dritter Präsident der Vereinigten Staaten, der auf seinem Landsitz Monticello bei Charlottesville selbst über 30 Jahre lang Weinbau betrieb.

Erste Versuche, europäische Rebsorten in Virginia zu etablieren, scheiterten – wie sich erst viel später herausstellte – am Befall der Rebstöcke durch die Reblaus. Die Weinerzeuger beschränkten sich daher zunächst auf die Kultivierung amerikanischer Wildreben.

Fahrt nahm der Weinbau Virginias erst in den 1950er Jahren auf, und erst zur Jahrtausendwende überwog erstmals der Anteil von Vitis-vinifera-Rebsorten, allen voran Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc für die Rotwein- sowie Viognier für die Weißweinerzeugung. Rund 20 Prozent der inzwischen auf 5000 Hektar angewachsenen Rebfläche ist noch mit französischen Hybridreben bestockt, darunter Chambourcin und Chancellor. Die Zahl der Weingüter ist ebenfalls gewachsen, auf über 300.

Mit rund 6,25 Millionen verkauften Flaschen Wein im vergangenen Jahr gehört Virginia zu einem der wichtigsten Weinanbaugebiete der Vereinigten Staaten. Die Winzer legen großen Wert auf Qualität, was sich in verschiedenen Auszeichnungen und einer steigenden Nachfrage niedergeschlagen hat. So verzeichnet die Weinbranche in Virginia ein Wachstum von 26 Prozent innerhalb der vergangenen vier Jahre. Der Weinanbau ist damit zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige des Bundesstaates geworden.

Von der zunehmenden Popularität des Weins profitiert auch der Tourismus. Mehrere Wine-Trails führen durch Virginia und verbinden die Weingüter miteinander. Urlauber, die Naturerlebnisse, Entspannung und Genuss suchen, können auf den Reiserouten die herrliche Landschaft des Bundesstaates erleben, aber auch die Weine direkt bei den Erzeugern verkosten und sich von der Küche Virginias verführen lassen. Besonders reizvoll ist es im Herbst, wenn sich zur Weinlese die Blätter bunt färben und vielerorts Weinfeste gefeiert werden.

monticello.jpgBild: Wikipedia
Monticello, der ehemalige Landsitz von Thomas Jefferson

Insgesamt definiert das Weinrecht der Vereinigten Staaten für Virginia acht Herkunftsbezeichnungen (American Viticultural Areas, abgekürzt AVA): Middleburg Virginia, Monticello, North Fork of Roanoke, Northern Neck George Washington Birthplace, Rocky Knob, Virginia Peninsula, Virginia's Eastern Shore und – den Bundesstaat übergreifend – Appalachian High Country.

Wir verkosteten vier Weine, die beispielhaft für die Vielfalt der aufstrebenden Weinregion stehen. Obwohl uns damit nur eine sehr kleine Auswahl zur Verfügung stand, ließ diese bereits das großartige Potenzial der noch jungen Weinkultur Virginias erahnen, deren Entwicklung naturgemäß noch an ihrem Anfang steht.

Den Versuch der Williamsburg Winery, aus dem ohnehin säurearmen Viognier, der in erster Linie für körperreiche Weißweine prädestiniert ist, durch Kohlensäurezugabe einen leichten Sommerwein zu erzeugen, beäugen wir kritisch.

Michael Shaps ist hier einen Schritt weiter. Aus der Petit Manseng, die im französischen Jura hauptsächlich Süßweine hervorbringt, produziert er einen trockenen Weißwein, der die Eigenart der Rebsorte widerspiegelt. Die geringen Erträge und dicken Beerenhäute führen erwartungsgemäß zu einer ausgeprägten Phenolik, die hier jedoch nicht in Bitternis abdriftet, sondern sich wärmend in einen kraftvollen, aber gut strukturierten Rahmen einbettet.

petit-manseng.jpgBild: Wikipedia
Trauben der in Virginia weit verbreiteten Rebsorte Petit Manseng

Das milde, gemäßigte Klima Virginias begünstigt zwar grundsätzlich die Erzeugung körperreicher Weine. Jedoch wirken sie idealerweise alles andere als schwerfällig. Bei beiden von uns verkosteten Rotweinen fanden wir eine beeindruckende Ausgewogenheit zwischen Kraft und Eleganz.

Der Cabernet Franc von Paradise Springs wäre vermutlich in seiner jugendlichen Phase wesentlich zugänglicher, hätte man ihn nicht ausgerechnet mit jeweils fünf Prozent Petit Verdot und Tannat cuvéetiert. Insbesondere der Tannatanteil, so gering er ausfallen mag, scheint einige wesentliche Parameter des Weines zu verschieben. Denn nach einer Weile im Dekanter verändert sich der Wein deutlich und verhindert eine sichere Prognose bezüglich seiner langfristigen Entwicklung. Ein anfangs harmonischer, hellfruchtiger Rotwein wird nach zwei Stunden zu einem gerbstoffbetonten und verschlossenen Monolithen. Wir erwarten, dass die Tanninstruktur dem Wein Langlebigkeit verleiht und ein Flaschenlager von mehreren Jahren sich vorteilhaft auswirkt.

Mit dem „Eluvium“ hat Early Mountain eine herausragende Cuvée im Bordeaux-Stil erzeugt. Basierend auf 78 Prozent Merlot und einen beachtlichen Petit-Verdot-Anteil von 22 Prozent, kommt der Wein seinem französischen Vorbild sehr nahe und wäre sogar ein perfekter Kandidat für einen Piraten in einer Blindverkostung mit hochrangigen Bordeaux-Gewächsen. Wer Zeit hat, sollte ihm unbedingt zehn oder mehr Jahre Flaschenreife einräumen. Wer die Zeit nicht hat, dem empfehlen wir unbedingt den Einsatz des Ovarius-Dekanters.

Die Weine im Überblick

Early Mountain

6109 Wolftown Hood Road
Madison VA 22727
Virginia
Vereinigte Staaten von Amerika
Telefon: +1 540 948-9005
Internet: www.earlymountain.com
E‑Mail: cheers@earlymountain.com

Portrait und alle Weine

WeinrottrockenMerlotPetit Verdot

2021er „Eluvium“

Vereinigte Staaten von Amerika

Virginia

14,3 % vol Alkohol

17,5🯅

Verkostet am 24. März 2024 von Werner Elflein

Cuvée aus 78 % Merlot und 22 % Petit Verdot. Blickdichtes Schwarzrot. Konzentriertes, von dunklen Röstaromen geprägtes Bukett von Brombeere und schwarzen Beeren. Noch ein wenig laktisch. Auf der Zunge zeigt sich die Frucht noch deutlich von feinkörnigen und feinsandigen Tanninen ummantelt. Kraftvoller Körper, enorme Dichte. Sehr lang und nachhaltig. Der „Eluvium“ ist nicht für den frühen Konsum bestimmt. Er gibt ein Versprechen für die Zukunft und sollte dieses nach frühestens zehn Jahren, wahrscheinlich sogar deutlich später, einlösen. Derzeit ist er noch verschlossen und benötigt sehr viel Luft. Wer nicht warten will oder kann (was schade wäre), sollte unbedingt zum Ovarius-Dekanter greifen. Großartige Bordeaux-Interpretation.

Paradise Springs (Virginia)

13219 Yates Ford Road
Clifton VA 20124
Virginia
Vereinigte Staaten von Amerika
Telefon: +1 703 830-9463
Internet: www.paradisespringswinery.com
E‑Mail: wine@paradisespringswinery.com

Portrait und alle Weine

WeinrottrockenCabernet FrancPetit VerdotTannat

2021er Cabernet Franc

Vereinigte Staaten von Amerika

Virginia

13,1 % vol Alkohol

15🯅

Verkostet am 22. März 2024 von Werner Elflein

Cuvée aus 90 % Cabernet Franc, 5 % Petit Verdot und 5 % Tannat. Anfangs schwachtransparentes Granatrot mit etwas Violett. Ätherisch-würzige Nase mit Duft nach Himbeere, Himbeerkern und hellroten Früchten. Insbesondere ein Hauch von roter Johannisbeere. Rauchig, an Holz erinnernd, das an einem Winterabend in einem Kamin brennt. Im Mund zunächst mit guter Balance zwischen Frucht und Gerbstoffen. Reife, aber auch markante Tannine, teils grobkörnig, teils feinkörnig, teils feinsandig. Benötigt zur Hamonisierung noch Zeit. Sehr gute Länge. Mit zunehmender Verweildauer im Dekanter verändert sich der Wein jedoch spürbar. Nach über einer Stunde ist er schwarzrot und blickdicht, die Röstaromen überdecken die nunmehr dunkelbeerige Frucht und es zeigen sich leichte Bittertöne. Unsichere Prognose.

Michael Shaps Wineworks

1781 Harris Creek Way
Charlottesville VA 22902
Virginia
Vereinigte Staaten von Amerika
Telefon: +1 434 296-3438
Internet: www.virginiawineworks.com
E‑Mail: tastingroom@virginiawineworks.com

Portrait und alle Weine

WeinweißtrockenPetit Manseng

2019er Petit Manseng

Vereinigte Staaten von Amerika

Virginia ↳ Monticello • American Viticultural Area (AVA)

14,7 % vol Alkohol

16,5🯅

Verkostet am 15. April 2024 von Werner Elflein

Goldgelb. Ausgeprägter Duft von Pfirsich, Pfirsichhaut und gelbem Steinobst. Spiegelt in Bezug auf den vorhandenen Alkohol und die Phenolik die Eigenart der Rebsorte (geringe Erträge, hohe Mostgewichte, dicke Beerenhaut) wider. Am Gaumen mit wenig Säure, wärmender, nur mäßig in die Bitternis abdriftende Phenolik, reifen Fruchtaromen und sehr guter Länge. Guter Essensbegleiter.

Williamsburg Winery

5800 Wessex Hundred
Williamsburg VA 23185
Virginia
Vereinigte Staaten von Amerika
Telefon: +1 757 229-0999
Internet: www.williamsburgwinery.com
E‑Mail: wine@wmbgwine.com

Portrait und alle Weine

WeinweißtrockenViognier

2022er Viognier

Vereinigte Staaten von Amerika

Virginia

13,4 % vol Alkohol

13🯅

Verkostet am 28. März 2024 von Werner Elflein

Zitronengelb. Schlanker Duft nach Zitrus, Melone und etwas Tabak. Am Gaumen mit einer nicht adäquaten Kohlensäure, die dem Wein eine gewissen Schärfe und Bitternis verleiht und jegliche Aromen überdeckt. Wenig Tiefe, nur mittlere Länge. Mit dieser wenig ausdrucksvollen Interpretation eines Viogniers wird leider das Thema verfehlt.

Zeichenerklärung
🯅Die Bewertung des Weins basiert auf einen einzelnen Verkoster. Der Verkoster wird namentlich im Kontext der Bewertung genannt. Die Verkostung erfolgte entweder offen oder blind. Im Falle einer blinden Verkostung ist diese explizit als solche gekennzeichnet.
🯅🯅Die Bewertung des Weins basiert auf zwei Verkostern. Die Verkoster werden namentlich im Kontext der Bewertung genannt. Die Verkostung erfolgte nach dem Vier-Augen-Prinzip, bei der sich beide Verkoster auf eine gemeinsame Bewertung einigen.
🯅🯅🯅Die Bewertung basiert auf einer Verkostung unserer Jury und gibt den von uns aus den Einzelbewertungen der Verkoster errechneten Mittelwert an. Unser Mittelwert basiert auf dem Median.
Die Bewertung des Weins erfolgte im Rahmen einer Blindverkostung. Für eine Blindverkostung gelten bei uns strenge Regeln. Die Verkoster erhalten grundsätzlich keinerlei Informationen, die eine Identifizierung der Weine ermöglicht. Weitere Informationen, die über die Themenstellung hinausgehen, sind den Verkostern nur dann zugänglich, wenn sie für das Verständnis der Weine unbedingt erforderlich sind.
🕓Für die Verkostung des Weins stand uns – typischerweise während einer offenen Verkostungsveranstaltung, beispielsweise einer Weinmesse – nur wenig Zeit zur Verfügung. Der Wein konnte daher in seiner Entwicklung im Glas nicht über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Die Aussagefähigkeit unserer Bewertung kann daher unter Umständen eingeschränkt sein.
Der Wein wurde als Fassmuster oder vor Erteilung einer amtlichen Prüfungsnummer oder staatlichen Prüfnummer verkostet. Muster ungefüllter Weine werden von uns nur in Ausnahmefällen akzeptiert, und auch nur dann, wenn wir von einer ausreichenden Stabilität auf der Flasche für einen Zeitraum von mindestens drei Monaten ausgehen können.
Der Wein zeigte sich bei unserer Verkostung sensorisch auffällig. Dabei muss es sich nicht zwingend um einen Weinfehler handeln. Qualität und Quantität der Auffälligkeit werden von uns kategorisiert und fließen in die Bewertung ein. Weinfehler wie Korkschmecker oder die untypische Alterungsnote führen grundsätzlich zu einer vollständigen Ablehnung.
Verkostungen, die sich auf dieselbe Flasche eines Weins beziehen, werden optisch durch eine Punktelinie zusammengefasst.