Vom Abtsberg zum Äbtissinsberg?
Geschlechtergerechtigkeit bei Weinbergsnamen
1. April 2025
Werner Elflein
Bild: weinfreaks.deÜber 2600 Einzellagen gibt es in Deutschland, und viele von ihnen blicken auf eine mehrhundertjährige Geschichte zurück. Hinterfragt wurden die Eigennamen der Lagen bis vor kurzem nie.
Ende vergangenen Jahres traf jedoch erstmals eine neu formierte Arbeitsgruppe im für den Weinbau zuständigen Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zusammen, die den Katalog der deutschen Einzel- und Großlagen unter dem Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit durchforsten soll. Vorsitzende dieser Arbeitsgruppe ist die Sprachwissenschaftlerin Angelika Balgthöter-Hasenfratz von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Die Lehrstuhlinhaberin am Institut für Wertegeleitete Linguistik betont, dass ihr die vom Ministerium gestellte Aufgabe sehr am Herzen liege: „Jahrhunderte-, wenn nicht jahrtausendelang war die Weinwelt männlich dominiert. Vom Winzerberuf bis hin zum Weintrinkermacho, der in gesellschaftlichen Zusammenkünften gerne sein überlegenes Weinwissen zur Schau gestellt hat.“ Die männliche Dominanz spiegele sich auch in den Weinbergslagen wider. Tendenziell gebe es mehr Weinberge mit männlichem als mit weiblichem Namensbezug. „Hier wollen wir den überfälligen Ausgleich schaffen.“
Vor allem das Anbaugebiet Mosel stehe im Fokus. „Dort weisen besonders viele Lagen auf katholische Würdenträger oder männliche Ordensgemeinschaften hin“, so Balgthöter-Hasenfratz. „Graacher Domprobst, Erdener Prälat, Trierer Deutschherrenberg, und natürlich die drei Maximin Grünhäuser Einzellagen Abtsberg, Herrenberg und Bruderberg sind nur einige Beispiele.“
Bild: Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-NürnbergAll diesen Weinlagen könnte es daher an den Kragen gehen. Zunächst aber soll geklärt werden, wieviele Weinberge umbenannt werden müssen, um den Geschlechterproporz herzustellen. Parallel soll die Arbeitsgruppe Vorschläge erarbeiten, nach welchen Kriterien die betroffenen Weinlagen ausgewählt werden sollen. „Hier werden wir in unsere Betrachtung nicht zuletzt das Renommee der Lagen, auch im internationalen Kontext, berücksichtigen. Hinsichtlich der Reputation der Lagen muss der Geschlechterproporz ausgeglichen sein.“
Während Hilfskräfte beschäftigt werden sollen, die die Häufigkeit der Nennung einzelner Weinbergslagen in alten Tageszeitungen der vergangenen 50 Jahre mit Strichlisten dokumentieren, wurde ein IT-Unternehmen mit der Programmierung eines Suchroboters beauftragt, der mit einem klaren Auftrag das Internet durchsuchen soll: Wie häufig werden zum Beispiel in sozialen Medien der Hochheimer Domdechant oder der Recher Herrenberg erwähnt?
Dies sei allerdings nur der erste Schritt. „Noch immer unterscheiden wir in unserer Sprache nur zwischen zwei biologischen Geschlechtern. Wie jedoch gehen wir mit den vielen nichtbinären Geschlechteridentitäten um?“, fragt sich Angelika Balgthöter-Hasenfratz. Die sprachlichen Möglichkeiten, diese abzubilden, hingen noch weit hinter der gesellschaftlichen Entwicklung zurück. Offen sei zudem, wie mit zukünftigen weiteren Geschlechteridentitäten umgegangen werden soll, die derzeit noch unbekannt seien oder bisher noch nicht öffentlich diskutiert würden. „Es dürften noch Jahrzehnte vergehen, bis wir der Lösung dieser überaus komplexen Problematik näher kommen.“
In der Zwischenzeit soll es trotzdem erste Anpassungen geben. Der pragmatische, aus der Not geborene Vorschlag: „Solange wie etwa der Maximin Grünhäuser Abtsberg einen männlichen Namensbezug aufwies, solange könnte er fortan Äbtissinsberg heißen. Das sind einige Jahrhunderte. Danach sollten wir weitere Geschlechteridentitäten nach einem noch festzulegenden Rotationsprinzip folgen lassen.“
Dem Argument, dass ein Maximin Grünhäuser Äbtissinsberg den historischen Realitäten nicht gerecht würde – schließlich handelte es sich bei den einstigen Grünhäuser Maximinern um einen Männerorden –, will Angelika Balgthöter-Hasenfratz nicht folgen: „Ein Grund mehr, die Missachtung der Rechte der Frauen auf Gleichberechtigung durch die Maximinermönche nicht weiter in unserer Sprache zu zementieren.“
Umgekehrt gibt es jedoch auch eine Weinlage mit weiblichem Namensbezug, die äußerst kritisch gesehen wird: den Billigheimer Venusbuckel.
„Eine obszöne, frauenfeindliche Geschmacklosigkeit“, schäumt die Sprachwissenschaftlerin vor Wut. „Die Arbeitsgruppe schlägt vor, die Lage aufgrund ihrer belasteten Namensvergangenheit aufzugeben und in landwirtschaftliche Flächen für den Obstbau umzuwidmen.“ Äpfel (männlicher Genus) und Birne (weiblicher Genus) sollen künftig hier zu gleichen Anteilen angebaut werden.
Einen ersten umfassenden Bericht mit vorläufigen Lösungsvorschlägen will Angelika Balgthöter-Hasenfratz am 1. April 2026 der Öffentlichkeit präsentieren.