Wellness für die Weinberge
Massagetechniken für Rebstöcke revolutionieren den Weinbau
1. April 2026
Werner Elflein
Bild: weinfreaks.deIm Frühjahr, noch vor dem Austrieb der Rebstöcke, sind bereits die ersten Saisonarbeiter in den Weinbergen der Saar mit der Pflege der Rebstöcke beschäftigt. Im berühmten Scharzhofberg geht es aber nicht um Rebschnitt oder Bodenbearbeitung. Stattdessen sieht man die Arbeiter gebückt an den Rebstöcken, mit den Händen wenige Zentimeter über dem Wurzelbereich das Holz massierend.
Egon Müller IV., Inhaber des Kultweinguts Egon Müller – Scharzhof in Wiltingen, hatte vor rund zehn Jahren die Idee, als er während einer Verbrauchermesse im japanischen Kobe mit einem Züchter von Tajima-Rindern am Nachbarstand ins Gespräch kam. „Die Tiere werden von ihren Haltern traditionell mit Massagen verwöhnt. Das führt bei den Kobe-Rindern zu einer höheren Durchblutung des Gewebes und zu einer Verbesserung der Fleischqualität. Warum sollte das analog nicht auch bei unserem Riesling funktionieren?“, fragte sich Müller.
Bereits im darauffolgenden Jahr ließ er in einer ausgewählten Parzelle des Scharzhofbergs die Hälfte der Rebstöcke massieren. „Wir bauten die Weine aus den massierten und den nicht-massierten Reben separat aus. Die Arbeit hat sich gelohnt“, fasst Müller das Ergebnis seines Feldversuchs zusammen.
Winzer aus der Nachbarschaft haben die Methode längst kopiert, selbst Berufskollegen in benachbarten Anbaugebieten und Ländern sind aufmerksam geworden. Beispielsweise in Österreich. „Am Anfang haben uns die Nachbarn ausgelacht“, erzählt Lucas Franz Pichler vom Weingut F. X. Pichler in Dürnstein. „Aber in der dritten Saison haben wir bemerkt, dass die Trauben wesentlich gleichmäßiger reiften.“
Ob die Massagen wirklich wirken, bleibt wissenschaftlich umstritten. Wichtig sei die Massagetechnik, betont Egon Müller. Von besonderer Bedeutung seien sanfte kreisende Bewegungen am Boden beginnend aufwärts, „um den Energiefluss des Rebstocks zu fördern und nicht zu stören“.
An der Nahe wird in diesem Zusammenhang von der sogenannten Energie-Spirale gesprochen, mit Massagebewegungen um die Rebe herum. In der Südsteiermark bevorzugen die Winzer dagegen die Wachstums-Streichung, bei der die Hände langsam an den Seiten der vier Himmelsrichtungen nacheinander vom Wurzelansatz gerade nach oben geführt werden.
Inzwischen haben sich auch Demeter-Betriebe angeschlossen und verwenden spezielle Massageöle aus Mineralien und Kräutern. Andreas Schumann vom Wachenheimer Weingut Odinstal geht noch einen Schritt weiter und reichert seine Öle zusätzlich mit homöopathischen Dosen seiner Weine aus früheren Jahrgängen an, die als „aromatische Erinnerung“ dienen sollen.
Einen völlig anderen Weg beschreitet eine promovierte Winzerin von der Wehlener Uferallee, die anonym bleiben möchte. Sie massiert die Rebstöcke lediglich mit einer Mischung aus Quellwasser und gemahlenem Schiefergestein und schlägt damit eine Brücke zum Terroirgedanken.
In einigen Weinbergen in der Südpfalz ertönt Musik, während die Reben massiert werden – bevorzugt Klassik oder sanfter Jazz. „Die Reben reagieren empfindlich auf die Atmosphäre um sie herum“, so Hansjörg Rebholz vom Weingut Ökonomierat Rebholz in Siebeldingen, der während der Massage zudem warme Basaltsteine auf den Böden verteilen lässt, um „die Wurzelzone energetisch aufzuladen“.
Wer gezielt einen Wein aus den Erträgen von massierten Reben trinken möchte, wird im Laumersheimer Weingut Knipser fündig. Im Preis der „Cuvée Relax“ aus Cabernet Sauvignon und Merlot schlägt allerdings der hohe Arbeitsaufwand deutlich zu Buche. Dennoch muss der auf 120000 Flaschen streng limitierte Wein zugeteilt werden. Scharen von entlassenen Managern aus den deutschen Automobilkonzerne, die nach Kapitalanlagen für ihre Millionenabfindungen suchen, stehen Schlange. „Wir wollen keine Preistreiberei veranstalten“, beschwichtigt Werner Knipser. „Wenn sie noch einen Maybach obendrauf legen, passt das schon.“
Um Trittbrettfahrern das Handwerk zu legen, plant das Deutsche Weininstitut die Einführung einer Zertifizierung und eines offiziellen Qualitätssiegels. Pro Saison muss jeder Rebstock mindestens zwölfmal von Hand massiert werden. Die im Weinberg beschäftigten Arbeiter sollen sich zudem zum zertifizierten Rebstock-Therapeuten ausbilden lassen. Entsprechende Lehrgänge will die Industrie- und Handelskammer zeitnah anbieten.
Einem Winzer aus Rheinhessen ist das zu elitär. Klaus-Peter Keller aus Flörsheim-Dalsheim befürchtet massive Preissteigerungen: „Meine Weine soll sich auch künftig jeder leisten können.“ Aktuell testet er eine automatisierte Lösung. Umgebaute Saugroboter fahren nachts durch den Dalsheimer Hubacker und kneten sanft die Rebstämme. Die Prototypen funktionieren bereits erstaunlich gut, solange sie nicht versuchen, auch zufällig vorbeilaufende Feldhasen zu massieren.
Wissenschaftlich untersucht wird die Rebstockmassage inzwischen an der Hochschule Geisenheim. In einem groß angelegten Forschungsprojekt werden die einzelnen Massagetechniken mit neuen, angepassten und an Yogafiguren erinnernden Reberziehungsformen wie der entspannten Lyra, der meditativen Pergola oder dem gebogenen Einzelpfahl kombiniert.
Während die Skeptiker noch diskutieren, sind viele Winzer längst überzeugt: Die Zukunft des Spitzenweins liegt nicht nur im Terroir, sondern auch in einer guten Massage.