Wie wir bewerten
Unsere 20-Punkte-Skala
Bild: PixabayUnerfahrene Weintrinker bewerten Weine in der Regel in nur zwei Kategorien, die auf recht einfache Weise das persönliche Geschmackserleben widerspiegeln: „Schmeckt mir – Schmeckt mir nicht“. Erst mit zunehmender Trinkerfahrung entdecken sie, wie komplex die Welt des „Schmeckt-mir“ sein kann. Wer mehr über Wein wissen will, beginnt zu differenzieren. Verkostungsnotizen helfen, die Geschmacksprofile von Weinen mit persönlichen Vorlieben abzugleichen. Zur Beurteilung der Qualität haben sich daneben Weinbewertungen auf der Basis numerischer Skalen etabliert.
Über den Sinn und Unsinn solcher Weinbewertungen sowie deren Vor- und Nachteile lässt sich trefflich streiten. Wir sehen durchaus, dass der unkritische Umgang vieler Medien mit dem Instrument der Punktevergabe zu einer aus unserer Sicht unerträglichen Banalisierung und Entwertung des Kulturguts Wein führt. Bei weinfreaks.de setzen wir uns für einen verantwortungsbewussten und selbstkritischen Umgang mit Bewertungen ein, der sich unter anderem in unserer differenzierten Verkostungsmethodik und der Kombination verschiedener Verkostungsformen niederschlägt. Punkte sind für uns ein wichtiges und nützliches Werkzeug zur Einschätzung der Weinqualität. Sie dienen jedoch lediglich als Orientierungshilfe und sind nicht in Stein gemeißelt. Wer sie als Messinstrument missbraucht, hat ihren Sinn nicht verstanden.
Übrigens: Auf die Veröffentlichung von so genannten Bestenlisten verzichten wir. Wir halten solche Listen für irreführend. Sie sind weder repräsentativ noch aufgrund einer in der Regel hohen Leistungsdichte durch wiederholte Verkostungen exakt reproduzierbar.
Robert M. Parker und die 100-Punkte-Skala
International hat sich in den vergangenen Jahrzehnten die 100-Punkte-Skala durchgesetzt, die auf den amerikanischen Weinkritiker Robert M. Parker zurückgeht. Dessen Einfluss and einseitige Vorliebe für konzentrierte, fruchtintensive und barriquebetonte Weine hat weltweit zu einer Benachteiligung eleganter und vielschichtiger Gewächse geführt.
Neben der geschmacklichen Gleichschaltung stößt auch eine unreflektierte Flut von Bewertungen über der scheinbar magischen 90-Punkte-Schranke zunehmend auf Kritik. Heerscharen schreibender Erfüllungsgehilfen des Weinmarktes schrecken vor nichts zurück, um den Verkauf selbst eher einfach gestrickter Weine mit unangemessen hohen Bewertungen anzukurbeln. Die damit einhergehende Täuschung des Verbrauchers lässt sich aus unserer Sicht nicht mit den Prinzipien einer seriösen Weinkritik vereinbaren.
Wir sehen daher den desavouierten Qualitätsjournalismus in der Pflicht, sich konsequent und mit der nötigen Vehemenz von derartigen Machenschaften zu distanzieren, deutlich Stellung zu beziehen und Aufklärung gegenüber dem Verbraucher zu betreiben.
Unsere 20-Punkte-Skala
Um Vergleiche mit den aus unserer Sicht korrumpierten „Parker-Punkten“ zu vermeiden, haben wir uns für die in Europa traditionell verwendete 20-Punkte-Skala entschieden. Sie steht in einer langen europäischen Tradition der Weinbewertung und ist insbesondere aus der französischen Weinkultur und der dort seit Langem gebräuchlichen Bewertungspraxis bekannt.
Die 20-Punkte-Skala hat ihren historischen Ursprung nicht ausschließlich in der Weinbewertung. Das französische Bildungssystem verwendet seit langem eine Skala von 0 bis 20 Punkten zur Bewertung schulischer und universitärer Leistungen. Diese Skala hat sich auch außerhalb des Bildungswesens als vertrautes System zur differenzierten Abstufung von Leistungen etabliert. In der französischen Weinkritik wurde sie aufgegriffen und für die sensorische Beurteilung von Weinen weiterentwickelt.
Der entscheidende Unterschied zur 100-Punkte-Skala liegt dabei weniger in der mathematischen Genauigkeit als in der Tradition ihrer Anwendung. Eine 20-Punkte-Skala vermittelt nicht den Eindruck, als ließe sich die Qualität eines Weines auf eine scheinbar exakt messbare Zahl zwischen 0 und 100 bestimmen. Sie bietet vielmehr einen überschaubaren Bewertungsrahmen, innerhalb dessen Qualitätsunterschiede abgestuft werden können.
Wir orientieren uns bei der Auslegung unserer Skala am französischen Vorbild. Die einzelnen Punktebereiche stehen dabei für klar definierte Qualitätsstufen. Die Möglichkeit, halbe Punkte zu vergeben, erlaubt zusätzlich eine feinere Differenzierung innerhalb dieser Stufen. Den Bereich zwischen 10 und 20 Punkten nutzen wir dabei vollständig. Die unteren Werte sind damit nicht bloß theoretische Möglichkeiten, sondern Teil unserer tatsächlichen Bewertungsskala. Gleichzeitig bleiben die höchsten Bewertungen großen Weinen vorbehalten.
Unsere 20-Punkte-Skala ist bewusst kein Versuch, die Qualität eines Weines mathematisch zu vermessen. Sie ist ein standardisiertes Hilfsmittel, um eine fachliche Einschätzung nachvollziehbar einzuordnen und Unterschiede zwischen Weinen auszudrücken. Die Zahl ersetzt weder die Verkostungsnotiz noch die Auseinandersetzung mit dem Wein. Sie fasst vielmehr eine Beurteilung zusammen, die auf sensorischen und qualitativen Kriterien beruht.
Vergleiche mit anderen Verkostern
Die Bewertungen zweier Verkoster sind selbst dann nicht miteinander vergleichbar, wenn ihnen dieselbe Punkteskala zugrunde liegt. Wenn wir einen Wein mit 16 Punkten bewerten, kann er beispielsweise bei der Britin Jancis Robinson 17 oder beim Schweizer René Gabriel sogar 18 erhalten. Der Grund: Jeder Verkoster legt die Skala mit ihren Bewertungsstufen unterschiedlich aus. Bei weinfreaks.de orientieren wir uns strikt am französischen Vorbild unserer 20-Punkte-Skala. Bewertungen von mehr als 16 Punkte sind dadurch seltener, spiegeln aber aus unserer Sicht in angemessenerer Weise die Qualitätsunterschiede im Spitzenbereich wider.
| Punkte | Bedeutung |
|---|---|
| unter 10 | Eine nicht ausreichende Qualität. Der Wein zeigt grobe Fehler oder nicht zu tolerierende Mängel. In diesem Fall verzichten wir auf eine Veröffentlichung der Punktzahl und deklarieren lediglich den Grund der Abwertung. |
| 10 – 11,5 | Ausreichende Qualität. Der Wein weist sensorisch keine Fehler auf, weiß darüber hinaus aber nicht zu überzeugen. In der Regel mangelt es deutlich an Komplexität, Ausgewogenheit oder Länge. Weine dieser Kategorie findet man in aller Regel in Supermärkten und Discountern, gelegentlich belästigen sie den passionierten Weintrinker – meist zu überhöhten Preisen – auch in der Gastronomie. |
| 12 – 13,5 | Zufriedenstellende, deutlich überdurchschnittliche Qualität. Gefällt typischerweise als ordentlicher, nicht allzu komplexer Alltagswein. Weinfreaks dürften sich hier jedoch in aller Regel nicht angesprochen fühlen. |
| 14 – 15,5 | Gute Qualität. Ein Wein, der im Grunde über jeden Zweifel erhaben ist und auch höheren Ansprüchen gerecht werden kann. Alle wesentlichen Geschmackskomponenten präsentieren sich ausgewogen, der Wein verfügt über eine ordentliche Komplexität und Länge. |
| 16 – 17,5 | Sehr gute Qualität. Ein Wein, der weit aus der Masse heraussticht. In der Regel verfügt er über deutliche Herkunftsattribute, zeigt großes handwerkliches Können und verspricht eine vorteilhafte Reifeentwicklung im Rahmen einer der Produktkategorie angemessenen Zukunftsprognose. |
| 18 – 19,5 | Überragende Qualität. Ein Wein, der unserer Ansicht nach national wie international zu den besten seiner Gattung zählt. Er vermittelt nicht nur Trinkfreude, sondern entfacht Begeisterung. Herkunftstypizität trifft auf hohe handwerkliche Kunst. Verspricht eine großartige Reifeentwicklung, meist über Jahre, mitunter sogar Jahrzehnte. |
| 20 | Einzigartige Qualität. Ein Wein, der zum Besten zählt, was Weinkultur hervorbringen kann. Ein Geschmackserlebnis, von dem wir noch unseren Kindern und Enkeln erzählen können. Man mag einen Wein anders machen können, aber kaum besser. |